Ars Electronica 2012: Das Zuhause der Medienkunst im Wandel

Das größte Gruppenfoto der Welt in Linz (Foto: Ars Electronica)

Ars Electronica – State of the Art der Medienkunst in Linz

Kunst, Technologie, Gesellschaft. Seit 1979 sucht die Ars Electronica nach Verbindungen und Überschneidungen, nach Ursachen und Auswirkungen. Innovativ, radikal, exzentrisch im besten Sinn sind die Ideen, die hier verarbeitet werden. Sie beeinflussen unseren Alltag, unsere Leben, jeden Tag. – Ars Electronica/About

Konkret besteht die Ars Electronica aus dem Festival, von dem ich hier berichten möchte, einem Medienkunstpreis, dem Center als ganzjähriger Präsentations- und Interaktionsplattform und dem Futurelab als Forschungs- und Entwicklungszelle.

Ars Electronica Festival 2012: verwirrendes Big Picture

Jedes Ars Electronica Festival hat ein Motto. 2012 war das „The Big Picture – Weltbilder für die Zukunft“ – es geht hier um eine Betrachtungsweise. Die komplexer werdende vernetzte Welt kann nicht mehr mit einfachen Bildern und Aussagen beschrieben werden. Es gibt viele Stimmen und durch moderne Technologien werden sie auch gehört. Das ist schwer zu fassen, denn es geht nicht einfach und konkret um die Geschichte der Vernetzung der Welt oder um Privatsphäre oder Robotik. Es geht um einen „offene[n] Blick auf ein größeres Ganzes„, um die Bereitschaft zur Veränderung und um transdisziplinäres Denken. Ein nicht leicht zu vermittelndes Thema für ein Festival, das immer versucht, mit seinen Themen große Massen zu erreichen. Wie schwierig dieser Spagat in diesem Jahr war, zeigen die unterschiedlichen Medienreaktionen auf das sichtbarste und populärste Projekt des Festivals, die Klangwolke (siehe unten).

Eine der Ausstellungen im Ars Electronica Center heißt „Außer Kontrolle – Was das Netz über dich weiß“. Medienkritische Projekte werden vorgestellt, zum Beispiel das von Malte Spitz, in dem er schon vor längerem mit ZEIT ONLINE seine Handy-Geodaten in einem Bewegungsprofil visualisierte. Mit großen Puzzleteilchen, die die verschiedenen Daten darstellen, die Facebook sammelt, können die Besucher ein menschenförmiges Bild zusammensetzen. Oder ihre Passwortsicherheit und ihre Privatsphäreeinstellungen prüfen. Extrem beliebt sind auch, teilweise sehr künstlerische, Visualisierungen und Vertonungen von Datenströmen, Tweets und Hashtags. Doch obwohl die Herangehensweise, Umsetzung und Vermittlung des Themas wohl keiner Institution so gut gelingt wie dem AEC, ist diese Diskussion ist nicht neu und ich hatte das Gefühl, das alles schon einmal gesehen und gehört zu haben. 2007 war das AEC mit dem Motto „Privacy is over“ seiner Zeit voraus: Facebook war damals gerade drei Jahre alt.

Voestalpine Klangwolke: Buchstaben im Nebel

Die von einem Stahlwerk gesponsorte Klangwolke ist ein Projekt, das traditionell während des Ars Electronica Festivals stattfindet und ein richtiges Massenereignis ist. Dieses Jahr war das Thema „Die Wolke im Netz“ und die Teilnehmer konnten selber beleuchtete Pappbuchstaben basteln. Das war sehr schön, weil den ganzen Tag über Menschen stolz ihre Buchstaben durch Linz getragen oder im Ars Electronica Center noch an ihnen gebastelt haben. Das weitere Konzept hat sich mir nicht ganz erschlossen – die Buchstaben verfügten über eigene Beleuchtung und einen Empfänger und ergaben gesteuert durch eine zentrale Datenbank miteinander ein größeres Zusammenspiel: das „Klangwolken-ABC“. Dazu kamen „Klangwolkenminiaturen“ – man konnte eigene Soundschnipsel auf eine Plattform hochladen – und ein Schwarm kleiner Drohnen, die mit LEDs und satellitengesteuert über die Donau schwebten. LEDs sollten auch schon bei den Olympischen Spielen 2012 in London für Emotionen sorgen.

Ich konnte leider nicht bis zum Start der Klangwolke bleiben, aber die Meinungen im Web waren geteilt. Die einen monierten, dass es dieses Jahr kein spektakuläres Feuerwerk gab, das den Abschluss der Aktion markiert hätte und allgemein der zeitliche Ablauf nicht klar gewesen sei. Auch ein geplanter Hubschrauberflug und die Kunst-Aktion, 50.000 Leuchtbälle die Donau runter zu schicken, fielen offiziell ins Wasser. Erstere wegen Nebels, die Bälle weil die Behörden dann doch keine Genehmigung gaben. Diese Meldung jedoch berichtet von „anarchisch“ schwimmenden Bällen. Die anderen empfanden die Erklärung der Geschichte der Vernetzung der Welt (vom Telefon zum Computer zu sozialen Netzwerken usw.) mit gesprochenem Text und Projektionen auf Häuser entlang des Ufers als zu belehrend und zu ambitioniert für so eine Openair-Veranstaltung. Viele andere Stimmen waren begeistert, eine Gruppe nutzte die Veranstaltung zum publikumswirksamen Protest für Pussy Riot.

Mein Eindruck war, dass sich ganz Linz an diesem Nachmittag auf die Klangwolke freute und sich mit diesem doch etwas sperrigen Thema (Medienkunst – Vernetzung – Wissenschaft – Technik usw.) identifizierte. Diese Seite (mit schönen Fotos) spricht von 90.000 Beteiligten – Linz hat knapp 200.000 Einwohner. Das ist eine große Leistung. Die Diskussion auf Twitter lief unter #klangwolke und #ars12.

Gerfried Stocker setzt auf Veränderung

Am Rande der donumenta 2012, die bereits 2006 und wieder 2012 die Ars Electronica zu Gast hatte, konnte ich mit Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica seit 1995, sprechen. Er erzählte von der bewussten Veränderung der Klangwolke, die sich in den letzten Jahren zu einem reinen Feuerwerkspektakel entwickelt hatte. Dass das neue Konzept und das Thema des diesjährigen Festivals sehr – wenn nicht überambitioniert waren, ist dem Medienkünstler durchaus bewusst. Aber mit einer über 30-jährigen Erfolgsgeschichte im Rücken lassen sich solche Erfahrungen sehr gelassen machen.

Besonders stolz ist Stocker auf das Projekt „das größte Gruppenfoto der Welt„, das aktuell in der Ausstellungshalle LINZ VERÄNDERT läuft. Die Besucher der Klangwolke konnten sich und ihre Buchstaben fotografieren und die Festivalmacher fügten die Einzelbilder zu einem riesigen Gruppenfoto zusammen. Zu sehen ist das Projekt auf dem Linzer Herbstmarkt, einer Amüsiermeile, in die das Ars Electronica Futurelab dieses ehrgeizige Projekt gesetzt hat. Dafür wurden einige Ausstellungsstücke aus dem Center, die mit der Stadtentwicklung zu tun haben, wiederverwertet und zusammen in einen neuen Kontext gesetzt.

Auch das Ars Electronica Center – die Ars Electronica ist ein Unternehmen der Stadt Linz – stellt sich selbst immer wieder in Frage und muss in Zeiten der Finanzkrise über Umstrukturierungen nachdenken. Seit den großen Umbauten und Erweiterungen 2009, als Linz Kulturhauptstadt Europas wurde, sind über vier Jahre vergangen. Die Exponate der Dauerausstellung sind zwar immer noch faszinierend. Besucher, die das Center schon mehrmals besucht haben, möchten aber sicher auch wieder etwas Neues sehen. Ich bin gespannt, wie die Ars Electronica in Zukunft mit dieser Herausforderung umgehen wird.

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